Berichte aus der Ökumene 

„Ich könnte aus der Haut fahren“

Wer mit Geflüchteten Arbeit kommt oft Grenzen der Belastbarkeit

 

Klar, engagiert sollte man sein. Ein dickes Fell zu haben und eine gewisse Gelassenheit zu den eigenen Kern-kompetenzen zu zählen, kann auch nicht wirklich schaden. Und doch kommt der Tag, kommt die Stunde, an der man buchstäblich aus der Haut fahren möchte. Menschen, die mit Geflüchteten arbeiten, kennen solche Momente.

Für sie hatten Diakoniepfarrer Peter Sinn und Elisabeth Patzsch, Synodal-beauftragte für Flüchtlingsarbeit, jetzt in der Reihe des Evangelischen Kirchen-kreises „Kompetent im Ehrenamt“ im gemeinsamen Kirchenzentrum in Meschede jetzt eine Fortbildung „Ich könnte nur noch aus der Haut fahren“ organisiert, wie man mit seiner Wut und Ohnmacht besser umgehen kann.

„Nach vielen Jahren bewundernswertem Engagement in der Arbeit mit Geflüchteten kämpfen Engagierte auch mit belastenden Gefühlen“, weiß Patzsch um die Problematik.

Nach der allgemeinen Euphorie, die sich auf dem Höhepunkt der Flüchtlings-welle vor allem in den Jahren 2015 und 2016 zunächst unter den Engagierten breitgemacht hatte, ist vielerorts Ernüchterung eingekehrt, und nicht wenige haben sich inzwischen aus ihrem  ehrenamtlichen Engagement wieder verabschiedet.

Das zunehmend rauer werdende politische Klima, die weitere Verschärfung in der Abschiebepolitik, eine ausufernde Bürokratie und auch persönliche Ent-täuschungen beim Umgang mit den Geflüchteten sind die Hauptursachen für die Frustration.

Das formulierten auch die Teilnehmer an der Veranstaltung im Gemeinde-zentrum so. Gleichzeitig aber betonten sie auch, welch unfassbarer Gewinn die Arbeit mit den Geflüchteten und der Kontakt zu ihnen ist. „Dadurch hat mein Leben einen völlig neuen und zutiefst bereichernden Inhalt und Sinn bekommen“, formulierte einer stellvertretend für fast alle Anwesenden, die aus Meschede, Brilon, Olsberg, Medebach und Hallenberg ins Kirchenzentrum gekommen waren.

„Wir wollten uns an dem Abend ganz bewusst Zeit nehmen, die Gefühlwelt genauer zu betrachten und zu entwirren“, erklärte Diakoniepfarrer Sinn das Konzept und ergänzte: „Dabei ging es uns auch darum, ganz bewusst neue Blickwinkel und Perspektiven zu entdecken.“ (Lim)

„Wir brauen einen Vielheitsplan“

Knapp sechzig Interessierte kamen zum Vortrag in das Cafe Röstaroma. Foto: Hans-Albert Limbrock

Integrationsforscher Dr. Mark Terkessidis sieht in den Flüchtlingen eine Chance für die Gesellschaft

 

Im April musste er noch passen. Da hatte ein hartnäckiger Virus Dr. Mark Terkessidis aus dem Verkehr ge-zogen. Doch dieser Termin wurde nun im Cafe Röstaroma nachgeholt. Terkessidis ist einer der bekanntesten und profiliertesten Integrationsforscher in Deutschland.

Sein aktuelles Buch trägt den Titel „Nach der Flucht – Neue Ideen für die Einwanderungsgesellschaft“.  Seine provokante These: „Die Idee der Integration taugt heute nicht mehr“.  Was stattdessen passieren muss, damit das Miteinander mit Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund und „den Einheimischen“ funktioniert, stellte der Diplom-Psychologe jetzt in Soest vor.

„Kirche möchte mitmischen“, begrüßte Lena Husemann, Leiterin der Er-wachsenenbildung im Evangelischen Kirchenkreis Soest, die Anwesenden. Vortrag und Diskussion mit dem Berliner Journalisten und Sozialforscher waren Teil einer Reihe, die der Kirchenkreis in diesem Jahr unter dem Titel „Gewalt überwinden – Vielfalt FAIRbindet“ aufgelegt hat.

Terkessidis hat sich intensiv mit den Themen Migration und Integration beschäftigt. Er kritisiert vor allem, dass es vielen Projekten, die von den ganz unterschiedlichen Gruppierungen und Institutionen angeboten worden sind und immer noch angeboten werden, vor allem an einer gewissen Nachhaltigkeit fehlt: „Dort sind massive strukturelle Veränderungen nötig.“

Die öffentliche Wahrnehmung sei zudem so, dass es um Migration und Integration in diesem Land sehr schlecht stünde. Dazu trügen die Medien mit einer oft reißerischen Berichterstattung in erheblichem Umfang bei, sodass man den Eindruck gewinnen könne, die Mehrheit der Deutschen sei gegen Flüchtlinge eingestellt.

Dr. Terkessidis: „Es entsteht ein schiefes Bild.“ 2015 und 2016 hätten sich Hundertausende ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Über die Hälfte davon sei immer noch engagiert: „Dieses bürgerschaftliche Engagement, das trotz der vielen Schwierigkeiten zum Beispiel durch die ausufernde Bürokratie immer noch anhält, ist beeindruckend.“

Dass unter den vielen Flüchtlingen, die in den vergangenen fünf Jahren nach Deutschland gekommen sind, auch welche seien, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, sei unbestritten: „Unter den Flüchtlingen sind Nette und solche, die überhaupt nicht nett sind. Das aber ist vollkommen menschlich.“ Die gesamte Diskussion um Flüchtlinge sei zudem für Deutschland nichts Neues; nur sei sie in der Vergangenheit nicht so intensiv geführt worden. Allein zwischen 1965 und 2014 seien 71 Millionen Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen. Ein Großteil davon ist hiergeblieben und lebt bestens integriert unter den Einheimischen.

Und auch vorher schon habe es Migration in großer Dimension gegeben: 12 Millionen Ostflüchtlinge hat Deutschland nach Ende des 2. Weltkrieges aufgenommen. In den 60er Jahren waren es die Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, der Türkei, die mitverantwortlich für das Deutsche Wirtschaftswunder waren. Terkessidis. „Das ist also alles nicht so neu für dieses Land. Allerdings hat sich die Integration stark verändert.“

Und das sorge auch für Probleme. „Wir werden“, so der renommierte Integrationsforscher, „keine große Familie sein, sondern wir leben in einer Gesellschaft mit Konflikten. Man muss es ganz klar sagen: Die Einwanderungsgesellschaft ist keine gemütliche Angelegenheit.“

Und dennoch führe an der „Vielheit“ auch künftig kein Weg vorbei, denn die Chancen seien ungleich höher als die Risiken, die durch so viele neue und fremde Menschen für unsere Gesellschaft entstünden: „Aber dazu braucht es einen Vielheitsplan, eine konkrete strategische Orientierung. Dann wird auch die Integration leichter gelingen.“ In dieser Frage seien Politik wie Institutionen gleichermaßen gefordert, Konzepte zu entwickeln. Daran fehle es bisher oft noch.                                                                               Hans-Albert Limbrock