Bestattung im Umbruch

 

In Facebook kann man nicht mehr sterben

Prof. Dr. Reiner Sörries eröffnete die Ausstellung „Ruhe sanft“ in der Andreas-Kirche

 

„Der Umbruch der Bestattungskultur ist ein globales Phänomen. Ein Phänomen, das auch im Sauerland längst angekommen ist“, erläuterte Professor Reiner Sörries am Montagabend zur Eröffnung der Ausstellung „Ruhe sanft“ in der Velmeder St. Andreas-Kirche. Dabei blickte er bis ins Mittelalter zurück und dann in die Zukunft: „Unsere Friedhöfe werden bald viel zu groß sein. Mittlerweile beträgt der Anteil der Feuerbestattungen schon 50 Prozent. Und doch nimmt gerade in der immer säkularer werdenden Gesellschaft das Bestreben zu, der Nachwelt etwas von sich zu erhalten, ja sogar unsterblich zu werden.“

 

 

Im Internet sei die Unsterblichkeit am preiswertesten zu haben: „Es ist sozusagen nicht möglich, seine Existenz aus einer Plattform wie Facebook zu löschen. Mittlerweile gibt es dort schon Seiten, die so programmiert sind, dass selbst Tote weiter mit Lebenden kommunizieren.“ Auch die ersten virtuellen Friedhöfe seien schon angelegt. „Und davon wird es bald immer mehr geben“, erklärt der Geschäftsführer des Museums für Sepulkralkultur, von dem die Ausstellung in der Andreas-Kirche stammt.

Bei allen Bestattungsformen stelle sich letztlich die Frage, welche Form des Abschieds und des Erinnerns für den jeweils Verstorbenen die richtige ist. „Es gibt Menschen, die glauben, die Ausstreuung der Asche über dem Meer oder aus einem Ballon sei im Sinne des Toten. Und hinterher stellen die Familien fest, dass ihnen doch ein Grab als Ort der Trauer fehlt.“

 

 

Die Vorstellungen und Bräuche haben sich in den vergangenen Jahrhunderten schon mehrfach gewandelt. Reiner Sörries begann mit seinen Betrachtungen im Mittelalter, wo die Friedhöfe durch Einfriedungen noch von der Welt der Lebenden abgetrennt werden mussten: „Da die Menschen glauben, dass die Toten weiterhin unter ihnen sind.“ Erst die Aufklärung habe sich von dieser Vorstellung losgesagt. Aber mittlerweile breche dieses Bild wieder auf: „Es gibt eine Auflehnung gegen den Tod. Als der Chirurg Christiaan Barnard 1967 das erste Herz verpflanzte, glaubte man sich der Unsterblichkeit nahe. Katastrophen wie die von Tschernobyl oder AIDS haben uns wieder zum Nachdenken gebracht.“

Mit dem Aufkommen der Hospizbewegung in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts habe es neue Herangehensweisen an das Thema Sterben und Abschied nehmen gegeben. „Daraus resultiert letztlich auch die heutige Vielfalt der Bestattungsformen“, so Reiner Sörries. Manche fühlten sich der Natur verbunden und wollten die Erinnerung an sich durch einen Baum im Friedwald erhalten. Andere suchten ihre letzte Ruhe in einem Gemeinschaftsgrab, wo man sich in einer Gruppe für die Nachwelt definiert. Wieder andere bauten sich ein Mausoleum oder ließen sich aus ihrem Liebsten in einem hochkomplizierten Verfahren einen Diamanten pressen. „Und es gibt die, die sich einfrieren lassen - in der Hoffnung, sie könnten irgendwann weiterleben.“ Dabei hänge die Wahl immer stärker auch von den finanziellen Möglichkeiten ab.

 

 

Längst sei die Bestattungskultur zu einem Markt mit zwei Kategorien geworden: Hochwertig und billig. Fünf Prozent der Toten würden mittlerweile durch eine Sozialbestattung ihre letzte Ruhe finden. Fast 50 Prozent wählen inzwischen die Verbrennung: „Ein Trend, der auch im Sauerland längst angekommen ist.“ Als Folge würden die Friedhöfe bald viel zu groß sein, die Gruften immer teurer.

„Eine Entwicklung, die uns zum Nachdenken zwingt. Und die uns als Christen vor Fragen stellt“, erklärte Pfarrer Günter Eickelmann in seinem Schlusswort. Die Projektreihe „Ruhe sanft“, zu der der Pastoralverbund mit dem Bergkloster Bestwig und dem Verein Kultur Pur als Partnern einlädt, will dieses Thema in die Öffentlichkeit bringen und zum Nachdenken Anstöße geben.

Dr. Ulrich Bock